Home | LL.M.-Erfahrungsberichte Nathaniel Grundmann: University of California, Berkeley School of Law (2021)

365 Golden Hours als Türöffner

Erfahrungsbericht zum LL.M.-Studium an der University of California, Berkeley School of Law (2021)

Veröffentlicht am 29.6.2026

Nathaniel Grundmann (né Kellerer), LL.M. (Berkeley)

Selbstständiger Rechtsanwalt und Legal Advisor beim CERN

Es gibt Entscheidungen, die man trifft, ohne den vollen Umfang ihrer Konsequenzen zu kennen. Der LL.M. an der University of California (UC) Berkeley School of Law war für mich eine davon. Aber der Reihe nach:

Inhalt

Die Bewerbung und Entscheidung

Wer sich für ein amerikanisches LL.M.-Programm bewirbt, begegnet früher oder später LSAC, dem zentralen Bewerbungsportal für amerikanische Law Schools. Das System ist kostspielig und gleichzeitig bemerkenswert gut organisiert, kurz gesagt: ein zutiefst amerikanisches Produkt. Ein oft diskutiertes Thema ist die Frage, welche Examensnote es für die bekannten US-Unis braucht. Ich hatte mich damals nur mit der Schwerpunktnote beworben und musste die Examensnote auch nicht nachreichen – das soll aber teilweise auch anders sein, sodass man nur eine vorbehaltliche Zusage bekommt. Generell bin ich bis heute nicht sicher, inwieweit die Admission Offices die deutschen Examina und die Ergebnisse verstehen.

Ein Rat, den ich rückblickend gerne früher beherzigt hätte: nicht zu lange mit der Wahl der Universität hadern. In Deutschland spielt der genaue Rang einer amerikanischen Law School im weiteren Karriereverlauf eine überschaubarere Rolle, als man vielleicht vermuten würde. Was ein LL.M. in erster Linie signalisiert, ist zweierlei: ein hohes Sprachniveau im Englischen und die Bereitschaft, die eigene Komfortzone konsequent hinter sich zu lassen.

Für Berkeley sprachen für mich vor allem zwei Argumente. Erstens die Lage, die schlicht unschlagbar ist: San Francisco in unmittelbarer Reichweite, der Pazifik dahinter, ein halbes Dutzend Nationalparks, die man in wenigen Stunden erreicht. Zweitens die Haltung und Geschichte der Universität selbst: Berkeley ist liberal, politisch und hat eine bedeutende Rolle im Free Speech Movement der USA gespielt. Mein Eindruck ist außerdem, dass der LL.M.-Jahrgang hier weit heterogener zusammengesetzt ist als an vergleichbaren Programmen in New York oder Chicago, wo nach meiner Erfahrung der Großteil des LL.M.-Batches aus Wirtschaftsanwälten besteht.

Ein schwieriges Thema bei der Planung eines LL.M.s in den USA ist stets die Finanzierung: Berkeley vergibt als öffentliche Universität vergleichsweise wenige Stipendien. Das Verfahren ist dabei ungewöhnlich: Man wird aufgefordert, konkurrierende Angebote anderer Universitäten offenzulegen, auf deren Basis dann entschieden wird. Es lohnt sich daher, Universitäten in die Bewerbungsrunde einzubeziehen, die man vielleicht nicht selbst auf dem Zettel hat, die aber den Ruf haben, immer wieder Stipendien zu vergeben. Ich hatte mich zu diesem Zweck unter anderem an der Northwestern, Duke und UCLA beworben, deren Angebote mir zu einem Teilstipendium seitens Berkeleys geholfen haben.

Leben in Berkeley

Berkeley ist eine Kleinstadt deren Atmosphäre maßgeblich von der Strahlkraft der Universität geprägt ist. Die Stadt ist grün, hat viele nette kleine Restaurants und Cafés und lädt zum Wandern in den anliegenden Hills ein. Berkeley liegt direkt an der Stadtgrenze von Oakland und nur die Bay Bridge entfernt von San Francisco.

Einige LL.M.s wählen als Unterkunft das International House direkt neben der Law School, ein Wohnheim für mehrere hundert Studierende mit großem Speisesaal und guter Küche. Wer dort wohnte, hatte in der Regel schnell einen Freundeskreis innerhalb des I-Houses, oft mehr als in der Law School selbst. Ich habe einige Meter entfernt in einem privaten Studentenwohnheim in der Prospect Street gelebt. Die Mitbewohner waren überwiegend jüngere Undergraduates, der Umgang war nett und unkompliziert. Die Einzelzimmer waren preislich knapp über dem Niveau des I-Houses mit dem Unterschied, dass die Miete keine Mahlzeiten umfasste. Dafür waren die Zimmer, wie die Küchen und Gemeinschaftsräume modern und der Abschluss des Mietvertrags für das Jahr im Vorfeld aus Deutschland sehr unkompliziert. Die Alternative zu Wohnheimen ist es, sich eine Wohnung oder ein Haus mit anderen Kommilitonen zu suchen (in der Regel erst nach Ankunft).

Wer an Sport interessiert ist, für den ist Berkeley eine Offenbarung. Die universitären Anlagen sind beeindruckend. Es gibt mehrere Outdoor-Schwimmbecken mit Blick auf den Bay, Tennisplätze, Fußballfelder und viel mehr. Ich habe regelmäßig Squash, Fußball und Tennis gespielt und einen Teil meines Freundeskreises auf diesem Weg geknüpft. Daneben gab es zahlreiche LL.M.-spezifische Veranstaltungen. Und dann ist da noch College Football, ein Must-Do im Campus-Leben: Vor jedem Heimspiel der Golden Bears versammelt sich die gesamte Universität in Fraternities, Sororities und Bars, um sich auf das Spiel einzustimmen, völlig unabhängig davon, ob man football-interessiert ist oder nicht.

Eine der vielen Sportanlagen inmitten des Campuses
Eine der vielen Sportanlagen inmitten des Campuses
Blick in das Memorial Stadium, Heimat der Golden Bears
Blick in das Memorial Stadium, Heimat der Golden Bears

Kurswahl

Berkeley bietet LL.M.-Studierenden die Möglichkeit, einen Schwerpunkt zu wählen und ein Certificate of Specialization zu erwerben. Ich habe mich für Law & Technology entschieden.

Generell bin ich der Ansicht, dass es sich lohnt bei der Kursauswahl, die Augen offenzuhalten nach interessanten Guest Speakern und Nischen-Seminaren, die es in Deutschland so nicht gibt. Meine persönlichen Highlights waren „Computer Programming for Lawyers“ bei Prof. Hoofnagle, ein Seminar, das genau das einlöst, was der Titel verspricht, sowie „Negotiations“ bei Prof. Kim und Prof. Lee. Negotiations ist ein Klassiker in US-amerikanischen Law Schools. Oft nach dem Vorbild des Buches eines Harvard-Professors mit dem Titel „Getting to Yes“ sind die Kurse als Seminare mit viel interaktiver Verhandlungsübung gestaltet. In meinem Jahr wurden fünf bis sechs Negotiations-Kurse pro Semester angeboten.

Wer regelmäßig anwesend ist, muss sich keine Sorgen um das Bestehen machen. Um das Beste aus dem Curriculum herauszuholen, lohnt es sich aber, bei den Readings und Vorbereitungsmaterialien am Ball zu bleiben. Generell liegt es vollständig in der eigenen Hand, wie tief man in die Materie eintaucht.

Eingangstor zum Campus
Eingangstor zum Campus

Die Kursvoraussetzungen für die New York Bar lassen sich mit etwas strategischer Planung gut integrieren, und man kann dabei durchaus spannende Pflichtveranstaltungen entdecken. First Amendment und Contract Law habe ich als inhaltlich bereichernd empfunden.

Ausflüge

Zu Beginn des LL.M.s habe ich mir mit einem Kommilitonen ein gebrauchtes Auto gekauft. Es kostete nur ein paar hundert Dollar und hielt entsprechend nur einen Monat, bis der Motor in Qualm aufging. Bereits in diesem Monat hatten wir die Vorzüge aber so sehr genossen, dass klar war, dass ein zweites hermüsse. Das hielt dann glücklicherweise bis zum Ende und wir haben es nahezu jedes Wochenende für Ausflüge genutzt, die Küste entlang, spontan zum Surfen in berühmten Spot Pacifica, ins Weingebiet Napa, durch Nationalparks und in der Regel wöchentlich nach San Francisco.

Halt auf der berühmten Küstenstrasse nahe Big Sur
Halt auf der berühmten Küstenstrasse nahe Big Sur
Yosemite National Park
Yosemite National Park

Die Flexibilität, kurzfristig aufbrechen und andere mitnehmen zu können, war ein Luxus, der sicher nicht nötig, aber sehr schön war. Besonders in Erinnerung geblieben sind Roadtrips zu Nationalparks in Kalifornien, Nevada, Arizona und Utah sowie Big Sur, das Stück Küstenstraße, das auf jedem Reiseführercover glänzt und in Wirklichkeit noch schöner ist. Gegen Ende des LL.M.s konnten wir das Auto recht unkompliziert an neue LL.M.s verkaufen, die bereits vor Ort waren.

New York Bar

Das New York Bar war für mich im Vorhinein kein Must-Do, aber interessant mit dem Gedanken gegebenenfalls noch einmal im Ausland arbeiten zu wollen. Der Anmeldeprozess ist sehr mühsam, sodass es sich lohnt die (oft umfangreiche) Hilfe der zuständigen Law School Offices in Anspruch zu nehmen und sich früh mit den Voraussetzungen und dem Registrierungsprozess auseinanderzusetzen. Für die Bar-Vorbereitung bin ich für zwei Monate nach New York gezogen. Das war ein Kompromiss, nachdem ich zuvor lange erwogen hatte, den LL.M. an einer dortigen Universität zu absolvieren. Tagsüber lernte ich einige Stunden strukturiert aus einem Co-Working Space, nachmittags und abends erkundete und genoss ich die Stadt. Aus Berkeley waren genug Kommilitonen in der Stadt, um ebenfalls das New York Bar zu schreiben, sodass man sofort ein soziales Umfeld hatte.

Blick über Manhatten
Blick über Manhatten

Rückblick

Wie viele, stelle ich mir aktuell oft die Frage, ob ich mich mit dem derzeitigen politischen Klima wieder für die USA entscheiden würde – und wenn Berkeley zur Wahl stünde, wäre die Antwort vermutlich ja. Es ist hochspannend zu beobachten, wie gerade eine so liberale Universität mit dem gegenwärtigen Druck durch die Administration umgeht und versucht sich zu wehren, ohne dabei die eigenen Prinzipien aufzugeben. Überdies bleibt Kalifornien ohnehin ein ganz eigener Mikrokosmos, der mit vielen anderen Teilen der USA kaum vergleichbar ist.

Hatte der LL.M. einen Einfluss auf Bewerbungen oder Gehaltsverhandlungen? Für mich zunächst keinen direkt messbaren. Und dennoch steht für mich außer Frage, dass er sich gelohnt hat. Nicht nur weil ich ein unglaubliches Jahr an der Westküste verbringen durfte und enge Freundschaften schließen durfte, die auch fünf Jahre später und viele Kilometer entfernt, fortbestehen, sondern auch weil sich für mich Türen geöffnet haben, die ich mir nicht vorstellen konnte. Nach einiger Zeit bei einer US-Kanzlei im Bereich Patentlitigation im Münchner Büro, arbeite ich inzwischen in Genf beim CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung. Dort bin ich als Legal Advisor im Bereich Technology Transfer tätig und arbeite daran, die im CERN entstehenden Technologien (wie einst das World Wide Web) mit größtmöglichem gemeinwirtschaftlichem Nutzen der Gesellschaft zugänglich zu machen. Ohne Berkeley und ohne die Zulassung zum New York Bar wäre ich dort sicherlich nicht gelandet. Die Organisation hatte mich damals auf LinkedIn angeschrieben, weil sie auf der Suche nach einem international geschulten Juristen war. Als dieses Angebot kam, war die einzigartige Erfahrung in Berkeley sicherlich Grundlage für den Mut den erneuten Schritt ins Ausland und den Tätigkeitswechsel zu wagen.

Es gibt also unzählige Gründe, wieso ich um die Erfahrung durch den LL.M. dankbar bin. Die Entscheidung für einen LL.M. sollte aus meiner Sicht aber letztlich aus Lust auf die vielen Eindrücke fallen und weniger aus der Hoffnung auf konkrete Karrierevorteile.

Schnellfragerunde

Lieblingscafé in Berkeley: Bakers and Commons

Lieblingsrestaurant in Berkeley: Kiraku

Bester Late-Night-Snack: Artichoke Pizza, am besten nach Mitternacht

Lieblingsstrand: Baker Beach zum Baden, Linda Mar zum Surfen

Lieblingskonzert-/Stadionerlebnis: Golden State Warriors in der Chase Center

Lieblings-Nationalpark: Zion, Utah

Lieblingsviertel in San Francisco: North Beach/Russian Hill

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