Home | LL.M.-Erfahrungsberichte Eugen Unger: Cardozo School of Law (2024/2025)

Cardozo, Brooklyn & die L-Line

Erfahrungsbericht zum LL.M.-Studium an der Cardozo School of Law (2024/2025)

Veröffentlicht am 24.9.2025
Eugen Unger, LL.M. (Cardozo)

Mein LL.M. in New York war nicht nur ein akademischer Abschluss, sondern vor allem ein Jahr voller praktischer Erfahrungen, internationalem Austausch, neuen Kontakten – und vielen besonderen Erlebnissen. Ich habe meinen LL.M. an der Benjamin N. Cardozo School of Law der Yeshiva University in New York absolviert. Das Programm war offiziell ein „General LL.M.“ mit zwei von mir gewählten ConcentrationsDispute Resolution sowie Business, Corporate and Finance Law und ging von August 2024 bis Juni 2025.

Inhalt

Warum Cardozo und New York?

Nach meinen beiden juristischen Staatsexamina wollte ich bewusst neue Wege gehen: Praxisnah lernen, Kurse nach Interesse wählen und den Blick weiten. Besonders reizvoll war der Bereich Dispute Resolution – ein Feld, das in Deutschland wenig Raum einnimmt und mir hier ermöglichte, über vertraute Strukturen hinauszublicken.

Cardozo überzeugte durch sein starkes Profil in diesem Bereich, aber auch durch Pragmatismus. Während deutsche Universitäten für Antworten und Dokumente oft Wochen benötigen, erhielt ich in New York innerhalb von zwei Wochen die Zusage. Diese Klarheit machte den Start erheblich leichter – gerade nach dem zweiten Examen, wenn vieles parallel läuft.

Und dann war da die Stadt selbst: New York ist kein Hintergrund, sondern Teil des Programms. Kanzleien, Gerichte, Panels, Vorträge – die Nähe zur Praxis ist allgegenwärtig. Wer hier studiert, erlebt Recht nicht nur in Büchern, sondern in Echtzeit. Und wer würde nicht gerne ein Jahr in der wohl berühmtesten Stadt der Welt leben wollen?

Blick vom Dach auf New York
Blick vom Dach auf New York

Bewerbung und Finanzierung

Die Bewerbungsphase begann bei mir vergleichsweise spät – Anfang Mai. Wie schon erwähnt, während Bewerbungen in Großbritannien und an anderen US-Universitäten noch liefen, lag die Zusage von Cardozo bereits nach zwei Wochen auf dem Tisch. Diese Geschwindigkeit war nicht nur angenehm, sie gab auch Planungssicherheit in einer ohnehin intensiven Phase. Diese Geschwindigkeit zog sich auch durch die gesamte Zeit dort. Der Kontakt zu Cardozo für jedwede administrative Frage war immer unproblematisch und schnell.

Finanziert habe ich das Jahr über Ersparnisse, Unterstützung meiner Familie und zwei Stipendien, darunter das Dean’s Merit Scholarship der Cardozo Law School. New York ist teuer – nicht nur Miete und Studiengebühren, auch der Alltag summiert sich schnell: Lebensmittel, ÖPNV, Mobilfunk, die allgegenwärtigen und inflationären Trinkgelder. Mein praktischer Hinweis für alle, die planen: Rechnet realistisch. Es ist auch immer gut, etwas mehr Puffer einzuplanen, zumal das Jahr in New York auch die Möglichkeit bietet, andere Städte und Bundesstaaten zu erkunden. Gleichzeitig gibt es Wege, Kultur in New York ohne große Kosten zu erleben. Mit einer New York Library Card etwa erhält man für viele Museen Freikarten – so lässt sich selbst das MoMA kostenfrei besuchen. Und regelmäßig öffnen Museen ihre Türen ohnehin kostenlos.

Baseballspiel der New York Mets
Baseballspiel der New York Mets

Das Studienprogramm

Der General LL.M. bot mir die gewünschte Freiheit: Neben Pflichtkursen wie „Introduction to U.S. Law“ und „Advanced Workshop in Legal Research and Writing“ konnte ich selbst Schwerpunkte setzen. Um mir die Option des New York Bar Exam offenzuhalten, belegte ich Kurse wie „Contracts“ und „Remedies for LL.M.s“.

Besonders geprägt haben mich aber praxisorientierte Lehrveranstaltungen. In „Negotiation Theory & Skills“ arbeiteten wir mit dem Buch „Getting to Yes“ als rotem Faden, diskutierten Verhandlungsstrategien und trainierten in wöchentlichen Simulationen, wie man Lösungen findet, ohne Beziehungen zu gefährden. Jede Sitzung brachte Techniken hervor, die unmittelbar anwendbar waren – im Studium ebenso wie später im Berufsalltag.

„Law of Settlement“ ergänzte das mit systematischen Ansätzen zu Vergleichen, Timing und Kommunikation. In „Mergers & Acquisitions for Corporate Lawyers“ durchliefen wir einen kompletten Deal – vom Erstkontakt bis zum Closing. Diese Mischung aus Praxisnähe und Raum für Fragen, die im Berufsalltag oft unausgesprochen bleiben, machte diese Kurse besonders.

Der Unterschied zwischen den 1L-Kursen (die klassischen Erstsemester-Kurse wie Contracts, Civil Procedure, Criminal Law etc.) und praxisnahen Kursen war deutlich. 1L-Kurse folgten dem klassischen Schema: Casebooks lesen, End-Exam schreiben. Praxisnahe Kurse setzten stattdessen häufig auf Projektarbeiten, wie Essays, während des Semesters. Das entzerrte die Prüfungsphase, bedeutete aber kontinuierliche Arbeit über das ganze Semester. Generell hatte ich aber nicht das Gefühl, zu viel zu tun zu haben.

Die berüchtigten cold calls waren zunächst eine ungewohnte Herausforderung.  Anfangs war die Nervosität spürbar, doch schnell stellte sich heraus, diese Unsicherheit teilten selbst amerikanische Studierende, die J.D.s, mit denen wir fast alle Kurse hatten. Am Ende blieb die Erkenntnis: Wir sitzen alle im selben Boot.

Man kann die vorlesungsfreie Zeit an der Cardozo zwar auch durch zusätzliche Angebote auf dem Campus verbringen, doch gerade während der jüdischen Feiertage bieten sich ideale Gelegenheiten, die umliegenden Bundesstaaten zu erkunden. Dank vergleichsweise günstiger Mietwagen und Treibstoffpreise lassen sich von New York aus wunderbare Kurztrips nach Massachusetts, Vermont oder auch nach Washington, D.C. unternehmen.

Indian Summer in Vermont
Indian Summer in Vermont
Capitol in Washington, D.C.
Capitol in Washington, D.C.

Betreuung und Campus-Leben

Was die Betreuung angeht, habe ich Cardozo als sehr zugänglich erlebt. Uns wurde sinngemäß gesagt: „Kommt jederzeit vorbei – auch wenn es einfach auf einen Kaffee ist“. Speziell für LL.M.s gab es Beratung, Career-Formate und eine klare Linie für Bar -Zulassung und Anmeldung: Unzählige Zoom-Sessions, in denen erläutert wurde, welche Kurse erforderlich sind und welche Unterlagen gebraucht werden. Schade war, dass Cardozo nicht an der großen Career-Veranstaltung der NYU teilnimmt, wo regelmäßig auch deutsche Kanzleien vertreten sind.

Sehr eindrücklich waren die regelmäßigen Zusatzveranstaltungen. In den Deans Office Hours lud die Dean Professoren ein, um aktuelle Themen – etwa Executive Orders oder Immigration – in lockerer Atmosphäre rechtlich einzuordnen. Dazu kamen Gastvorträge, Panels und Talks, die die Verbindung zur Praxis jeden Monat spürbar machten. Besonders wertvoll für das Networking waren die Alumni-Talks, auch mit deutschen Absolventen, die uns über ihren Werdegang berichteten.

Die internationale Community der LL.M.-Studierenden war eng und bereichernd. Kommilitonen aus Südamerika, Europa und Afrika brachten unterschiedliche Erfahrungen ein – Begegnungen, die den Blick weiteten und Kontakte entstehen ließen, die über das Studium hinaus tragen.

Speziell für deutsche Studierende gibt es zahlreiche Veranstaltungen, auch von deutschen Kanzleien in New York, bei denen man Kontakte knüpfen konnte. Besonders empfehlenswert ist das Referendar Breakfast von Alston & Bird in New York – dort kann man nachfragen, ob man auch als LL.M. dazukommen kann. So lernt man unkompliziert andere Deutsche in New York kennen. Das ist vielleicht nicht der ursprüngliche Sinn eines LL.M.s im Ausland, aber trotzdem eine wertvolle Option, Kontakte zu knüpfen.

Hudson River im Winter
Hudson River im Winter

Leben in Brooklyn

Bei der Wohnungssuche hatte ich Glück: Über Kontakte bei einer Zoom-Veranstaltung von Cardozo lernte ich einen deutschen Anwalt kennen, der seine Wohnung in Bushwick untervermietete. Ein Beispiel dafür, dass sich Chancen oft dort ergeben, wo man sie nicht erwartet.

Anfangs war ich skeptisch, als das Navi beim ersten Ankommen nur Industrieanlagen und Lagerhallen anzeigte. Doch der Eindruck täuschte. Bushwick entpuppte sich als Viertel voller Streetart, Cafés und einer Atmosphäre, die sich wohltuend vom hektischen Manhattan abhob. Mit der L-Line war ich dennoch in 25 Minuten an der Uni.

Brooklyn Bridge
Brooklyn Bridge

Cardozo bietet mit dem „Benjamin“ ein eigenes student housing an. Dieses ist zwar in Manhattan und damit gut gelegen, aber auch nicht gerade günstig. Toll ist dort aber die Dachterasse, auf die uns LL.M.s, die dort wohnten, zu einem Schabbat Dinner eingeladen haben.

Blick von der Dachterasse „The Benjamin“
Blick von der Dachterasse „The Benjamin“

Mein wichtigster Tipp für Wohnungssuchende: Achtet nicht nur auf den Stadtteil, sondern vor allem auf die U-Bahn-Anbindung. In New York entscheidet die Linie mehr als die Adresse. Mit einer guten Verbindung wird Brooklyn schnell zur attraktiven Alternative – finanziell wie praktisch.

Fazit

Nach diesem Jahr bleibt vor allem das Gefühl: Ein LL.M. ist weit mehr als ein Studium. Es sind die Gespräche, die unerwarteten Kontakte, die Abende in Brooklyn und die Kurse, die einem wirklich etwas fürs Leben mitgeben. Wer selbst einen LL.M. plant: Unterlagen in Deutschland frühzeitig anstoßen, bei der Wohnungssuche die U-Bahn im Blick haben – und den Rest einfach auf sich zukommen lassen. New York sorgt schon fast von allein für genug Erlebnisse.

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