Hoya Saxa! – Ein LL.M. im Herzen der US-Hauptstadt
Erfahrungsbericht zum LL.M.-Studium am Georgetown University Law Center (2025/2026)
Während eines LL.M.-Aufenthalts am Georgetown University Law Center kann man nicht nur viel über US-Recht und internationale Verträge lernen. Vielmehr bietet Washington, D.C. neben viel Grün, interessanten Bars und erstklassigen Museen auch ganz eigene Erlebnisse: Bei der Sitzung des Supreme Court dabei sein? Botschaftsabende besuchen? US-Gouverneuren zuhören? All das ist im Alltag der US-amerikanischen Hauptstadt möglich.
Inhalt
Bewerbung
Der vielleicht entscheidendste erste Schritt jeder ernsthaften LL.M.-Planung ist ehrliche Klarheit über die eigene finanzielle Situation. So sehr man zu Beginn vor allem an Programme, Universitäten und akademische Möglichkeiten denkt – ein LL.M.-Studium in den Vereinigten Staaten ist, nicht zuletzt angesichts erheblicher Studiengebühren und beträchtlicher Lebenshaltungskosten, zunächst einmal eine finanzielle Großentscheidung, die sorgfältiger Vorbereitung bedarf.
Wer ernsthaft erwägt, für ein Jahr in die USA zu gehen, tut daher gut daran, frühzeitig und in aller Nüchternheit die eigenen Möglichkeiten zu veranschlagen. Das schließt – je nach individueller Lage – nicht nur das Gespräch mit Familie oder anderen potenziellen Unterstützern ein, sondern auch die rechtzeitige Auseinandersetzung mit möglichen Stipendien sowie die Frage, ob und unter welchen Bedingungen ein Studienkredit in Betracht kommt.
Im Bereich der Stipendien gibt es eine Reihe bedeutender Förderprogramme, um die man sich schon angesichts der möglichen Fördersummen unbedingt bewerben sollte. Ich selbst habe mich unter anderem um das ERP-Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes beworben – leider ohne Erfolg – sowie um ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), das mir erfreulicherweise bewilligt wurde. Das traditionsreiche Fulbright-Programm kam in meinem Fall nicht mehr in Frage, da ich zum Bewerbungszeitpunkt bereits das Referendariat aufgenommen hatte.
Besonders wichtig: die häufig früh angesetzten Bewerbungsfristen. Das ERP-Stipendium etwa verlangt bereits im Oktober des Vorjahres die vollständige Einreichung sämtlicher Unterlagen einschließlich der erforderlichen Gutachten. Wer den LL.M. wirklich ernst nimmt, sollte sich daher weit mehr als ein Jahr im Voraus mit der Stipendienlandschaft vertraut machen – das ist kein übertriebener Rat, sondern schlicht notwendig.
Neben diesen übergreifenden Förderprogrammen bieten nahezu alle amerikanischen Law Schools eigene Stipendien an, die sich im Wesentlichen in bedarfs- und leistungsorientierte Modelle unterscheiden lassen. Während need-based scholarships umfangreiche Nachweise zur finanziellen Situation erfordern, zählen bei merit scholarships vor allem die akademische und berufliche Qualifikation sowie die Qualität der Bewerbung insgesamt. Georgetown Law zeigte sich in dieser Hinsicht erfreulich großzügig: In meinem Fall führte das zu einer Förderung in Höhe von 50 Prozent der Studiengebühren – was die finanzielle Gesamtbelastung natürlich erheblich erträglicher macht.
Das Studium
Georgetown bietet eine breite Palette unterschiedlicher LL.M.-Programme, deren Ausrichtung und Zusammensetzung je nach Schwerpunkt erheblich variieren. Eines ist dabei vorab zu sagen: Wer sich für Georgetown entscheidet, entscheidet sich für die größte Law School der Vereinigten Staaten – und damit für Jahrgänge, die in ihrer Größe und Heterogenität kaum zu überblicken sind.
Wer ein eher überschaubares, beinahe intimes Studienumfeld sucht, ist vielleicht an kleineren Fakultäten – etwa Duke oder der University of Virginia – besser aufgehoben. Die Größe Georgetowns bringt aber einen eigenen Reichtum mit sich: Man begegnet in kurzer Zeit einer Vielzahl von Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern, Professionen und akademischen Traditionen – und genau das prägt.
Ich selbst habe den LL.M. International Legal Studies absolviert. Voraussetzung für den Abschluss ist die Erbringung von mindestens zehn Credits im sogenannten International Law Cluster. Dabei fasst Georgetown den Begriff des internationalen Rechts bewusst weit, sodass neben klassischen völkerrechtlichen Veranstaltungen auch rechtsvergleichende und transnationale Kurse in erheblichem Umfang in diesen Bereich fallen.
Das Programm eignet sich grundsätzlich auch für Studierende, die das New Yorker Bar Exam anstreben – ein Ziel, das die überwiegende Mehrheit der internationalen Kohorte verfolgte. Allerdings geht diese Ausrichtung meist auf Kosten der internationalen Kurse. Wer beides miteinander verbinden möchte, dem sei das Summer Program empfohlen, das bereits im Sommer vor Beginn des eigentlichen Studienjahres stattfindet. Wer hingegen von vornherein das Bar Exam in den Mittelpunkt stellt, ist im General LL.M. wohl besser aufgehoben.
Ergänzend bietet Georgetown verschiedene Zertifikate an, die eine weitere individuelle Schwerpunktsetzung ermöglichen – etwa in den Bereichen Human Rights Law oder International Arbitration.

Ausgeprägte Praxisorientierung
Was Georgetown wirklich auszeichnet, ist seine konsequente Ausrichtung auf Praxisnähe und Vernetzung. Das gilt nicht nur für die amerikanischen J.D.-Studierenden, sondern ausdrücklich auch für internationale LL.M.-Studierende. Bereits zu Beginn des Studienjahres stehen zahlreiche Workshops, Karriereveranstaltungen und individuelle Beratungsangebote zur Verfügung, die systematisch auf den Berufseinstieg vorbereiten. Wer ernsthaft erwägt, nach dem Studium im Rahmen des Optional Practical Training (OPT) in den USA Berufserfahrung zu sammeln, wird davon stark profitieren.
Ein besonderes Highlight sind die sogenannten Externships – praktische Tätigkeiten in Kanzleien, internationalen Organisationen, Behörden oder Unternehmen, die parallel zum Studium absolviert werden. Üblicherweise finden sie im Spring Semester statt. Ich selbst hatte die Gelegenheit, in der Rechtsabteilung des Internationalen Währungsfonds tätig zu sein – eine Erfahrung, die ich ohne Übertreibung zu den prägendsten meines gesamten Studienjahres zähle. Zu beachten ist allerdings, dass die begehrteren Externships eigene Auswahlverfahren haben und man sich entsprechend bewerben muss.
Studienaufwand
Die Prüfungsformen variieren erheblich. Bei mir überwogen computerbasierte Take-Home-Exams innerhalb eines klar definierten Zeitfensters. Daneben gab es vereinzelt klassische In-Class-Exams sowie Seminare, die durch umfangreichere schriftliche Arbeiten abgeschlossen wurden.
Der Arbeitsaufwand war – jedenfalls gemessen an deutschen Maßstäben – insgesamt moderat. Wer aber wirklich die gesamte vorgesehene Lektüre durchdringen möchte, merkt schnell, dass das Pensum beträchtlich ist. Für deutsche Studierende, die es gewohnt sind, Vorlesungen eher nach- als vorzubereiten, kann das anfangs etwas Umstellung erfordern. Wer zusätzlich ein Externship absolviert oder sich intensiv auf das Bar Exam vorbereitet, kommt um sorgfältiges Zeitmanagement nicht herum.
Erwähnenswert ist schließlich das Grading on a Curve: Die Note hängt nicht von einer absoluten Punktzahl ab, sondern von der eigenen Leistung im Verhältnis zum gesamten Kurs. Bei Cross-Listed Courses, die gemeinsam mit J.D.-Studierenden besucht werden, sollte man das bei der Kurswahl im Hinterkopf behalten.
Das Law Center
Wohnsituation
Die Wohnsituation ist ein Faktor, den man nicht unterschätzen sollte. Rund um das Law Center finden sich zahlreiche Apartmentkomplexe, die gezielt auf internationale Studierende ausgerichtet sind und häufig über Annehmlichkeiten wie Fitnessstudios, Rooftop-Terrassen oder Pools verfügen. Daneben bietet Georgetown selbst mit dem Gewirz Student Center sowie dem Wohnheim 55 H Street NW zwei Optionen in unmittelbarer Campusnähe.
Die Mietpreise sind allerdings entsprechend. Für ein Zimmer in einer Vierer-WG im Wohnheim 55 H Street lagen die monatlichen Kosten bei mir bei etwa 1.700 USD. Wer in Washington, D.C. auf Lage und Ausstattung Wert legt, wird in dieser Preisklasse landen – daran führt kaum ein Weg vorbei. Meine Erfahrung war dabei, dass die umliegenden Apartmentanlagen häufig ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis bieten als die universitären Wohnheime selbst.
Campusleben
Das klassische Bild des amerikanischen Campuslebens trifft auf Georgetown nur bedingt zu. Wer bei dem Namen Georgetown an den traditionsreichen Hilltop mit seinen historischen Gebäuden und dem Blick über den Potomac denkt, wird beim ersten Besuch des Law Centers möglicherweise überrascht sein: Die Jurafakultät liegt nicht im gleichnamigen Stadtteil, sondern mitten im Herzen Washingtons.
Das bedeutet weniger idyllische Campusromantik – dafür aber eine Lage, die sich schwer übertreffen lässt. Den Blick auf die Kuppel des Kapitols auf dem Weg zur Vorlesung zu haben, die Nähe zur National Mall zu genießen und von politischen Institutionen umgeben zu sein, verleiht dem Studienalltag eine ganz eigene Dichte und Aktualität.

Architektonisch zeigt sich das Law Center im nüchternen Gewand dessen, was man hierzulande wohl mit einigem Wohlwollen als Nachkriegsarchitektur bezeichnen würde. Auch Ausstattung und Infrastruktur tragen stellenweise Spuren der Zeit – das beeinträchtigt den Alltag aber kaum.
Aufgrund seiner Größe und zentralen Lage bildet das Law Center ein weitgehend eigenständiges akademisches und soziales Ökosystem. Es gibt eine regelmäßige Shuttleverbindung zum Hilltop-Campus, aber ehrlich gesagt: Man fährt seltener hin, als man zu Beginn vermutet. Das studentische Leben spielt sich überwiegend rund ums Law Center ab.
Was die beiden Campi allerdings miteinander verbindet, ist die gemeinsame Identität als „Hoya“ – so der Spitzname der Georgetown-Studenten. Der Name leitet sich von „Hoya Saxa!“ ab, dem offiziellen Schlachtruf der Universität. Diese Kombination aus Griechisch („Hoya“) und Latein („Saxa“) bedeutet so viel wie „What rocks!“ – ursprünglich eine Anspielung auf die felsenfeste Verteidigung der universitätseigenen Footballmannschaft.
Leben in der amerikanischen Hauptstadt
Neben der akademischen Reputation Georgetowns war es vor allem die Stadt selbst, die mich gereizt hat. Als ich im August 2025 ankam, waren meine Erwartungen eher verhalten. Rückblickend kann ich sagen: Washington hat mich überrascht – und zwar sehr positiv. Gewiss, es ist nicht New York und auch nicht Miami. Doch was der Stadt an Größe oder Nachtleben fehlt, macht sie durch eine bemerkenswerte Verdichtung von universitärem Leben, Politik und Kultur mehr als wett.
Herz der US-Politik
Für politisch Interessierte gleicht Washington einem dauerhaft geöffneten Forum. Kaum ein Abend vergeht ohne Veranstaltungen, Empfänge oder Podiumsdiskussionen, organisiert von Think Tanks, Botschaften, Universitäten oder internationalen Institutionen. Gouverneuren amerikanischer Bundesstaaten zuzuhören, in der deutschen Botschaft einem Richter des Supreme Court zu begegnen oder an Gesprächsformaten mit deutschen Delegationen teilzunehmen – das ist hier keine Ausnahme, sondern fast schon Alltag.
Hohe Lebensqualität
Gleichzeitig überrascht Washington durch seine ausgeprägte Grünstruktur und ein gepflegtes Stadtbild. Die National Mall bildet das geographische wie atmosphärische Zentrum der Stadt. Hinzu kommen der Potomac River sowie Orte wie Alexandria, die Waterfront oder The Wharf, die der Stadt ein beinahe maritimes Gepräge verleihen. Und wer das Grüne sucht: Die Chesapeake Bay und der Shenandoah National Park sind nicht weit.

Kostenlose Kultur und lebendiges Nachtleben
Kulturell ist Washington beeindruckend. Die Museen entlang der National Mall zählen zu den bedeutendsten des Landes – und der Eintritt ist bei vielen kostenlos. Dazu kommen Institutionen wie die Folger Shakespeare Library, die National Portrait Gallery sowie beeindruckende Sakralbauten wie die Washington National Cathedral oder die Basilica of the National Shrine.
Auch das Nachtleben ist besser als sein Ruf. Der Abend endet zwar früher als in anderen Metropolen, aber die Ausgehkultur der Stadt ist erstaunlich kreativ. Viertel wie Adams Morgan, Logan Circle oder der Union Market District bieten Konzepte, die weit über den klassischen Barbesuch hinausgehen – wo sonst kann man bei Drinks golfen, in einem Formel-1-Simulator Platz nehmen oder auf einem mechanischen Bullen reiten?
Fazit
Mein LL.M.-Jahr war ohne Zweifel eine der interessantesten, abwechslungsreichsten und intensivsten Phasen meines bisherigen Lebens. Das kann mitunter anstrengend sein – am Ende aber ist es vor allem ein außerordentliches Privileg, das nicht nur Türen öffnet, die man vorher kaum kannte, sondern das einen auch persönlich weiterbringt und neue Interessenfelder erschließt.
Vor allem aber ist es eine Zeit der Begegnungen. Aus Bekanntschaften werden Freundschaften, aus flüchtigen Kontakten Netzwerke, die – so abgedroschen es klingen mag – weit über das Studienjahr hinaus halten können.
Wer also ernsthaft mit dem Gedanken spielt, einen LL.M. am Georgetown Law Center zu absolvieren: Ich kann es nur empfehlen. Es ist eine Erfahrung, die sich nicht vollständig planen lässt – aber eine, auf die ich keinen Tag verzichten möchte.
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