Studieren im Schatten der „Skyscraper Church“ – Erfahrungsbericht zum LL.M.-Studium an der University of California, Hastings College of the Law (2021/2022)

Veröffentlicht am 18.9.2022

Julian Schneider (LL.M. UC Hastings)

Data Protection and Privacy Analyst bei der HewardMills Ltd. in San Francisco

Das LL.M.-Studium an der University of California, Hastings College of the Law (UC Hastings) eröffnet auch – oder gerade – nach einigen Jahren anwaltlicher Tätigkeit neue Perspektiven. Vom Berliner Kanzleialltag an die älteste Law School der Westküste, gelegen im Zentrum San Franciscos. What could possibly go wrong?

Inhalt

Wahl der Universität

Die Bay Area bietet diverse Möglichkeiten, einen LL.M. zu absolvieren. Soll es San Francisco sein, sind die Optionen bereits deutlich eingeschränkter. Möchte man vom guten Ruf des University of California-Systems profitieren, bleibt neben der nahen UC Berkeley nur die wohl weniger bekannte UC Hastings.

Die UC Hastings findet sich in Rankings meist etwa um Platz 50 wieder. Dies ist nicht zu verwechseln mit mangelndem Prestige – im Gegenteil genießt ein Abschluss an der UC Hastings gerade in der Bay hohes Ansehen, und auch an prominenten Alumni wie etwa Vizepräsidentin Kamala Harris oder Alexander Francis Morrison, Gründungspartner der internationalen Großkanzlei Morrison & Foerster, mangelt es nicht.

Auch wenn Berkeley nur eine kurze Bahnfahrt von San Francisco entfernt ist, war für mich klar, dass ich in der Stadt leben möchte. Gleichwohl entschied ich mich für eine Bewerbung auch an der UC Berkeley. Auf eine Bewerbung in Stanford hingegen verzichtete ich. Das Silicon Valley reizte mich insgesamt weniger, und hier wäre die Anbindung an San Francisco schon problematischer geworden.

Bewerbungsverfahren

Bewerbungen laufen über das Onlineportal des Law School Admission Council (LSAC). Es werden Gebühren von etwa $ 150 bis $ 400 je Bewerbung fällig, dazu fallen Kosten für die Verifizierung von Dokumenten an. Es empfiehlt sich, schon für diesen Schritt etwa $ 1.000 einzuplanen, je nach Anzahl der geplanten Bewerbungen. Allgemein ist es empfehlenswert, sich an mehreren Universitäten zu bewerben. Hiernach wird oft bereits im Bewerbungsprozess gefragt, und der Umstand, dass mehrere Optionen bestehen, führt oft zu besseren Angeboten, wie höheren Stipendien.

Letztlich waren meine beiden Bewerbungen erfolgreich. Das schon zu diesem Zeitpunkt höhere Stipendium gab den Ausschlag zugunsten der UC Hastings. Wie ich feststellte, ist die UC Hastings zudem Partneruni meiner deutschen Universität, der FU Berlin. Dass ich den dortigen Fachbereich seit meinem Ersten Staatsexamen etwa fünf Jahre zuvor nicht mehr betreten hatte, spielte zu meiner Überraschung keine Rolle. Letztlich führte dies zu einem noch etwas erhöhten Stipendium.

Blick vom Campus
Blick vom Campus

Finanzierung und Visum

Etwas Kleingeld war gleichwohl noch aufzubringen. Details zu Stipendien sind, wie an US-Hochschulen üblich, vertraulich. Ich musste Ersparnisse von etwa 25.000 € sowie einen Privatkredit über 22.000 € bemühen, um mir Studiengebühren, Unterkunft und sonstige Kosten leisten zu können. San Francisco ist nicht als günstiger Ort bekannt, die Angaben der UC Hastings zu Lebenshaltungskosten treffen zu. Meiner Erfahrung nach ist es möglich, nach Abzug aller laufenden Kosten (außer Verpflegung) mit etwa $ 30 am Tag auszukommen. Insbesondere während der Vorbereitung auf das Bar Exam verringert sich dieser Betrag sogar noch einmal deutlich, da man tendenziell weniger Geld ausgibt, während man am Schreibtisch sitzt.

Mein ursprünglicher Plan, den LL.M. ab August 2020 zu absolvieren, scheiterte an einer Pandemie. Zwar bot die UC Hastings einen Online-LL.M. an, dies war jedoch keine Option für mich. Ich entschied mich, meinen Studienbeginn zu verschieben. Im Frühjahr 2021 gelang die Visavergabe ohne weitere Probleme und so konnte ich mich Anfang August auf den Weg in die USA machen.

Unterkunft

Einer der Vorzüge der UC Hastings trägt den Namen „McAllister Tower“ und befindet sich nur einen Block von den eigentlichen Unigebäuden entfernt. Es handelt sich um eine ehemalige Kirche (daher der Spitzname „Skyscraper Church“), ein ehemaliges Hotel und ein nunmehriges Wohnheim, das über etwa 250 Apartments verschiedenster Größe verfügt. Für LL.M.-Studierende stehen möblierte Apartments im Studioformat zur Verfügung, sprich, es handelt sich um ein Zimmer mit Bad und offener Küchenzeile für rund $ 1.600 im Monat inklusive äußerst schnellem Internet und sonstigen Nebenkosten. Für ein Apartment dieser Art ist das ein tatsächlich eher niedriger Preis, selbst wenn der Tenderloin nicht zwingend als besonders vornehmer Stadtteil bekannt ist (hierzu später mehr).

Durch die direkte Anbindung an die UC Hastings lässt sich die Unterkunft äußerst unkompliziert buchen. Sowohl die Wohnungssuche als auch die ansonsten üblichen Überprüfungen etwa von Gehaltsnachweisen oder credit score entfallen.

McAllister Tower Apartments
McAllister Tower Apartments

Studium

Mit etwa 400 Studierenden pro Jahrgang ist die UC Hastings eine größere Law School. Der mit Abstand größte Anteil von etwa 90 Prozent entfällt auf den Juris Doctor oder JD, den typischen Abschluss für US-Studierende. Eine LL.M.-Klasse hat üblicherweise 20 bis 25 Studierende, während der ebenfalls einjährige MSL, Master of Studies in Law, meist weniger als 10 Nichtjurist*innen eine Qualifikation im rechtlichen Bereich verschafft. Weiterführende Programme wie ein JSD werden leider nicht angeboten, es stehen allerdings Spezialisierungen zur Verfügung. Sollte sich nichts Passendes finden, besteht die Möglichkeit, eine eigene Spezialisierung zu entwerfen.

Die UC Hastings hat zahlreiche Programme jenseits des klassischen Curriculums zu bieten. Zu nennen sind hier diverse Clinics von ausgezeichnetem Ruf, insbesondere aber die Startup Legal Garage, in der Studierende Startups aus der Bay Area beraten. Die Clinics sowie die Startup Legal Garage stehen LL.M.-Studierenden offen, man sollte sich jedoch bewusst sein, dass derartige Programme einen Großteil des ohnehin knapp bemessenen Studiums in Anspruch nehmen.

Nur ein geringer Teil des Kursplans ist festgelegt. Angehende LL.M.s müssen eine Einführungsveranstaltung während der Orientierungsphase im August belegen, eine von zwei verfügbaren Sektionen in Legal Research & Writing, einen Pflichtkurs zur Einführung in das US-Recht sowie einen der Kurse, die JDs in ihrem ersten Studienjahr belegen. Zur Wahl steht hier etwa Contracts, Torts oder Civil Procedure. Abgesehen von diesen Einschränkungen, die nur das erste Semester betreffen, sind LL.M.s nahezu völlig frei in der Fächerwahl. Ausgeschlossen sind nur Kurse, die sich explizit an US-Studierende richten oder nicht während der Dauer des LL.M.s abgeschlossen werden können.

Der Unterricht findet in einem etwas in die Jahre gekommenen Hauptgebäude statt, in dem sich auch die Bibliothek befindet sowie einem kurz vor der Pandemie eröffneten Neubau. Bis auf eine kurze Phase im Januar 2022 bestand Präsenzunterricht, die Räume sind jedoch alle mit Bildschirmen, Lautsprechern und Mikrophonen ausgestattet. Vorlesungen werden aufgezeichnet, sodass Hybridveranstaltungen möglich sind und verpasste Veranstaltungen nachgeholt werden können.

Ich selbst entschied mich gegen eine Spezialisierung und auch gegen die Arbeit in der Startup Legal Garage, da ich plante, nach meinem Studium das Bar Exam in Angriff zu nehmen. Mein Fokus lag daher auf Fächern, die dort geprüft werden. Im ersten Semester belegte ich daher Civil Procedure, Constitutional Law und Professional Responsibility. Das zweite Semester bestand aus Evidence, Criminal Procedure, Property und einem Seminar in Data Privacy, meinem eigentlichen Interessengebiet.

Die City Hall vom Apartmentfenster
Die City Hall vom Apartmentfenster

Mit der Erfahrung von zwei Staatsexamina ist das Studium gut machbar, gleichwohl anspruchsvoll. Bei zwei Vorlesungen pro Woche in einem Vier-Credits-Kurs wird jeweils ein Lesepensum von etwa 30 Seiten erwartet, also 60 Seiten pro Woche und Kurs. Es empfiehlt sich, gelesene Fälle zusammenzufassen, da cold calling – also die freundliche Bitte, zu erläutern, was sich im Fall zuträgt – üblich ist. In vielen Fällen gab es hierbei vor der Vorlesung eine Warnung oder der Kurs war in mehrere Gruppen eingeteilt. Im Allgemeinen ist cold calling kein Grund zur Sorge, solange man erkennen lässt, dass man sich vorbereitet hat.

Die Note ergibt sich meist auf Grundlage einer einzelnen Abschlussprüfung, üblicherweise eines Essays kombiniert mit Multiple-Choice-Fragen. In Seminaren wird eine Abschlussarbeit erwartet.

Auch wenn ich mit der Wahl meiner Fächer und auch mit den Noten letztlich sehr zufrieden war, erforderte meine recht ambitionierte Fächerwahl im zweiten Semester viel Arbeit. Bar-Exam-Fächer sind grundsätzlich aufwändiger. Insbesondere galt dies für Evidence und Property, die wenig mit aus Deutschland bekannten Konzepten zu tun haben. Wer bereit ist, diese Arbeit zu leisten, wird belohnt: Die Qualität der Lehre war nahezu durchweg hervorragend. Besonders beeindruckte mich hierbei ein Professor, der meine E-Mails grundsätzlich binnen fünf Minuten beantwortete. Unterstützung ist stets verfügbar und Professor*innen freuen sich über Interesse.

Kurz gesagt: Die UC Hastings gibt sich viel Mühe, damit ihre LL.M.-Studierenden ihre Ziele erreichen.

Extrakurrikulares

Als reine Law School verfügt die UC Hastings nicht über Sportteams. Allerdings bestehen zahlreiche Möglichkeiten zur sportlichen Betätigung. Der Tower hat ein Gym sowie den angeblich tiefstgelegenen Basketballplatz der USA zu bieten. Zudem finden Veranstaltungen wie Yogakurse statt.

Networking ist ein wichtiger Bestandteil des US-Studiums. Die Forschungszentren der UC Hastings bieten eine Vielzahl an Events auf dem Campus an. Die Teilnahme ist meist gratis, Getränke und Essen ebenso. In aller Regel finden sich dort zahlreiche interessante Gesprächspartner*innen. Bei weiteren beruflichen Bemühungen unterstützt das Career Office, etwa durch Mentoring und Coaching. Auch nach Abschluss des Studiums stehen diese Ressourcen zur Verfügung.

Auch die sozialen Kontakte zwischen Studierenden kommen nicht zu kurz. Beispielsweise findet alle zwei bis drei Wochen das Event „Sharks on the Squad“ im Innenhof zwischen den Unigebäuden statt. Gereicht werden Pizza sowie alkoholische und nichtalkoholische Getränke.

Studierende können sich in zahlreichen Gruppen organisieren, die auch für LL.M.s zugänglich sind. Beispielhaft zu nennen wären etwa die Hastings Food and Wine Law Society, das prominente Hastings Law Journal, UC Hastings OUTLAW oder die Black Law Student Association. Generell herrscht an der UC Hastings ein gesellschaftspolitisch äußerst progressives Klima, wie es für San Francisco zu erwarten ist. Erkennen lässt sich dies an zwei größeren Debatten, die meine Zeit dort begleiteten: Einerseits beschloss die Universität nach längerer Diskussion, Serranus Hastings aufgrund seiner Beteiligung am Genozid an Native Americans aus dem Hochschulnamen zu streichen. Der künftige Name der UC Hastings wird University of California, College of the Law, San Francisco, in Kurzform UC Law SF lauten. Andererseits kam es zu Protesten, als ein Dozent einer Washingtoner Universität, zuvor aufgefallen mit fragwürdigen Twitter-Äußerungen, einen Vortrag halten sollte. Zum Vortrag selbst kam es in der Folge nicht, hingegen zu einer campusweiten Diskussion über free speech.

Die UC Hastings liegt im Tenderloin, einem Gebiet mit zahlreichen Obdachlosen und einer offenen Drogenszene. Dies führt einerseits dazu, dass zahlreiche Studierende sich in lokalen Projekten engagieren, andererseits aber auch dazu, dass die UC Hastings über ein umfangreiches Sicherheitskonzept verfügt. Auf Anfrage ist es etwa möglich, sich zur Bahnstation eskortieren zu lassen. Grundsätzlich ist San Francisco keine gefährliche Stadt und auch der Tenderloin ist nicht per se unsicher. Jedoch sollte man vorbereitet sein, auf der Straße mit unangenehmen Situationen konfrontiert zu werden. Bedrohlich ist dies nicht, allerdings kommen die negativen Seiten des Tech-Booms und die Folgen der Opioidkrise hier anschaulich zur Geltung.

Freizeit in der Bay

Jenseits des Tenderloin ist die Bay Area eine der schönsten Regionen der Vereinigten Staaten. Wenige Meilen trennen den Campus von großartigen Wanderwegen, Stränden und Bergen. Die Anbindung durch den Nahverkehr ist für US-Verhältnisse gut, ein Auto nicht zwingend erforderlich.

Wanderwege in der Bay
Wanderwege in der Bay

San Francisco hat neben üblichen Vorzügen einer Großstadt ein ausgezeichnetes kulinarisches Angebot, zu nennen ist hier der kalifornische Klassiker Sushi-Burrito. Auch für den etwas traditionelleren Geschmack gibt es zahlreiche Optionen – ob in Chinatown, Little Italy oder Japantown.

San Francisco verfügt über ein Baseballteam, die San Francisco Giants, sowie über ein Basketballteam, die Golden State Warriors. Das Footballteam, die San Francisco 49ers, ist in Santa Clara beheimatet. Auch die Nachbarstadt Oakland hat diverse sportliche Optionen. Bei den Teams der UC Berkeley, den Golden Bears, sind Zuschauer ebenfalls willkommen.

Bars und Clubs existieren in San Francisco zu Genüge. Das Castro ist das vermutlich bekannteste LGBTQ*-Viertel der USA und bietet ebenfalls diverse Ausgehoptionen. Daneben gibt es zahlreiche Museen, eine Oper und eine Philharmonie. Attraktionen wie die Golden Gate Bridge oder Alcatraz bedürfen keiner weiteren Erwähnung. Kostenfreie Veranstaltungen finden regelmäßig statt, so etwa das SF Sundown Cinema oder Liveübertragungen aus der San Francisco Opera. Auch abseits von Veranstaltungen bieten die Parks der Stadt Entspannung.

Noch mehr als etwa in Berkeley kann das Klima San Franciscos tückisch sein – während es tagsüber nahezu ganzjährig etwa 20 bis 25 Grad sind, wird es abends schnell kalt und windig. Die beiden häufigsten Wörter, die man hier vernimmt, sind „microclimate“ und „layer“, Ersteres anspielend auf die sehr schnell wechselnden Wetterverhältnisse in der Bay, Letzteres die Empfehlung, doch besser mehrere Schichten Kleidung dabei zu haben.

Fazit

Mit meiner Entscheidung, ein etwas kleineres Programm gewählt zu haben, bin ich auch im Nachhinein äußerst zufrieden. Das Global-Programs-Team der UC Hastings ist aufmerksam und bemüht, das Studienangebot selbst lässt wenig zu wünschen übrig. Die überschaubare LL.M.-Klasse hat den großen Vorteil, dass man sich unweigerlich kennenlernt. Zuletzt: Lage, Lage, Lage – auch wenn der Tenderloin sicherlich kein Sehnsuchtsort ist, ein Studium mitten in San Francisco hat fraglos ganz erheblichen Charme.

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