LL.M. mit Lakeview
Erfahrungsbericht zum LL.M.-Studium an der Northwestern Pritzker School of Law (2024/2025)
Mit dem LL.M. an der Northwestern Law School in Chicago konnte ich mir den Traum erfüllen, in den USA zu studieren. Das Jahr war eine super Erfahrung mit Einblicken in ein anderes Rechtssystem, vielen neuen Freundschaften und einer Stadt, die fast zur zweiten Heimat geworden ist.
Inhalt
Wahl der Law School und Bewerbung
Für mich war der LL.M. erst nach dem zweiten Examen zeitlich möglich, was ich rückblickend als besten Zeitpunkt in meiner Situation wahrgenommen habe. Zum einen muss man nicht im Anschluss noch einmal ein Examen schreiben und kann den LL.M. als Art „Belohnung“ für die lange Ausbildung sehen. Zum anderen kann man die vielen Recruiting-Veranstaltungen der deutschen Kanzleien in den USA zielgerichtet über die reine Station im Referendariat hinaus nutzen. Man ist natürlich schon etwas älter und in einer anderen Lebenssituation als direkt nach Studienende. Andererseits habe ich das keineswegs als Problem empfunden und einige LL.M.-Studierenden sind mit Partner und Kind gekommen. Die Altersspanne der LL.M.s reichte von 22 bis etwa Mitte 40.
Daneben war für mich klar, dass ich eine Großstadt in den USA und nicht an die Westküste wollte, sodass eigentlich nur Chicago und New York in Betracht kamen. Ich hatte Northwestern bis zum LL.M. Day der Deutsch-Amerikanischen Juristen-Vereinigung (DAJV) nicht wirklich beachtet, bei der ich dann ein sehr angenehmes Gespräch mit der Northwestern-Vertreterin hatte. Es hilft gerade auch für die Bewerbung, bereits einen persönlichen Kontakt an der Law School zu haben. Nicht nur deshalb kann ich solche Infoveranstaltungen wirklich empfehlen.
Wie schon in anderen Erfahrungsberichten angemerkt, ist der LL.M.-Bewerbungsprozess insgesamt aufwändig. Insbesondere die notwendigen Unterlagen zusammensammeln war zäh und nervenaufreibend, da die deutsche Verwaltung und das amerikanische LSAC-Portal, das einheitlich für die meisten Law Schools Dokumente sammelt, einem das Leben nicht unbedingt leicht machen. Mit etwa einem Jahr Vorlauf ist es aber dann doch gut zu meistern. Die LL.M.-Essentials-Veranstaltungsreihe war eine große Unterstützung, die schrittweise durch den gesamten Prozess begleitet.
Northwestern selbst war im Bewerbungsverfahren sehr entgegenkommend und ich hatte den Eindruck, dass sich die Law School wirklich um mich bemüht – gerade im Vergleich zu anderen Law Schools. Als einzige Besonderheit zu dem üblichen Bewerbungsverfahren über LSAC bietet Northwestern die Möglichkeit eines virtuellen Gesprächs an, um nochmals das dortige Auswahlteam von sich zu überzeugen.
Finanziert habe ich den LL.M. im Wesentlichen durch einen großzügigen Tuition Waiver von Northwestern, ein kleineres deutsches Stipendium sowie eigene Ersparnisse. Eines der beiden großen deutschen Stipendien, Fulbright, ist seit Kurzem leider nur noch bis zwei Jahre nach dem Studium möglich und damit nach dem Referendariat ausgeschlossen, was bei der Wahl des Zeitpunkts gegebenenfalls berücksichtigt werden sollte.

LL.M. an der Northwestern
Northwestern hat in Deutschland meines Erachtens nicht unbedingt den Ruf anderer Elite-Universitäten, ist aber in den USA als Top-10-Law-School etabliert, gerade im Bereich Big Law. Die Uni ist für ihren Praxisfokus bekannt und legt einen verstärkten Wert auf Berufserfahrung (wozu aber das deutsche Referendariat zählt). Entsprechend sind die amerikanischen Studenten tendenziell etwas älter als an anderen Law Schools.
Northwestern bietet einen allgemeinen LL.M. sowie einen Steuer- und einen sehr überschaubaren Human-Rights-LL.M. an. Ich habe mich für den allgemeinen LL.M. entschieden, um in der Kurswahl möglichst flexibel zu bleiben. Wir waren ca. 150 LL.M.-Studierende, mit der größten Gruppe aus Ostasien, gefolgt von Südamerika. Deutsche LL.M.-Studenten gab es außer mir keine, dafür ein Schweizer und ein Österreicher. Üblicherweise sind aber 3–4 Deutsche pro Jahrgang, sodass man nicht komplett allein ist.
Die Uni schreibt nur zwei Kurse fest vor: common law reasoning und entweder constitutional law oder civil procedure. Darüber hinaus können die meisten Kurse aus dem Kurskatalog belegt werden und fast sämtliche Kurse waren mit JDs gemischt. Gerade mit etwas Eigeninitiative ist es auch möglich, eigentlich den JDs vorbehaltene Angebote, wie Law Clinics oder Moot Courts, wahrzunehmen. Ich selbst war bei einem Moot Court speziell für LL.M.s in Washington, D.C., was eine super Erfahrung war.
Durch den Praxisfokus gibt es im Vergleich zu anderen Law Schools weniger rechtstheoretische Kurse und mehr Dozenten aus der Praxis. Ein großer inhaltlicher Schwerpunkt liegt im Bereich entrepreunership, auch durch die Verbindung zur bekannten Kellogg Business School mit der Möglichkeit eines dualen Abschlusses (JD-MBA) für die US-Studenten. Auch LL.M.-Studenten können einzelne Kellogg-Kurse belegen. Ich habe etwa Investment Banking gehört, was sehr spannend, aber auch herausfordernd war.
Daneben ist Northwestern für sein trial-advocacy-Angebot bekannt. Ich selbst habe einige Kurse in diesem Bereich belegt, da gerade die praktische Ausbildung an deutschen Universitäten nach meiner Erfahrung kaum existiert. Ich habe etwa gelernt, wie entscheidend scheinbar kleine Details, wie Tonfall oder Fragerhythmus in der Cross Examination, für ein überzeugendes Auftreten sind – insbesondere im amerikanischen Verfahren, das zwar nicht ganz so dramatisch ist wie in „Suits“, aber dennoch deutlich mehr Schauspiel als das deutsche.
Rückblickend war für mich jedoch weniger das akademische Angebot ausschlaggebend, sondern vielmehr die Freundschaften und das internationale Netzwerk, die in diesem Jahr entstanden sind. In meinem Jahrgang waren vergleichsweise wenige europäische Studierende, weshalb ich fast schon gezwungen war, Kontakte zu Kommilitoninnen und Kommilitonen aus entfernteren Teilen der Welt zu knüpfen. Das machte die Erfahrung aber umso spannender – wann sonst hat man die Gelegenheit, dauerhafte Freundschaften mit Menschen aus Lateinamerika, Pakistan oder Taiwan zu schließen?
Das Leben in Chicago
Die Law School ist mitten in Downtown Chicago und getrennt von dem Haupt-Campus der Universität in Evanston, der 40 Minuten im Norden von Chicago liegt. Man hat daher wirkliches Großstadtleben und ist nicht in einer „Uni-Bubble“, wie an klassischen Campus-Unis. Die Stadtlage hat für mich den Ausschlag für Northwestern gegenüber der Konkurrenz von der University of Chicago gegeben, die doch ein ganzes Stück im Süden der Innenstadt liegt.
Entsprechend gibt es aber auch kein klassisches Student Housing, sondern man muss sich privat um eine Unterkunft kümmern. Es gibt aber 2–3 Apartment Komplexe (v.a. Arrive), in denen ein Großteil der LL.M.-Studenten unterkommen und wozu ich auch raten würde, um direkt Anschluss zu finden.
Als eine der wenigen amerikanischen Städte gibt es ein gut ausgebautes ÖPNV-Netz, das ich viel genutzt habe. Andere LL.M.-Studenten haben dagegen ausschließlich Uber genutzt – auch unter dem Aspekt Sicherheit. Chicago hat dahingehend ja nicht unbedingt den besten Ruf, allerdings hatte ich persönlich keine schlechten Erfahrungen. Es ist sicher eine Stadt mit einer höheren Kriminalitätsrate als eine deutsche Kleinstadt, allerdings lassen sich mit etwas gesundem Menschenverstand viele Situationen auch vermeiden. Wie viele US-Städte ist auch Chicago geteilt: In den wohlhabenderen (und weißeren) Norden, wo sich auch Northwestern befindet, und die ärmere South Side, in der es jedoch ebenfalls schöne und kulturell spannende Viertel gibt.
Im Übrigen ist Chicago als Stadt super. Es ist etwas „amerikanischer“ und langsamer als NYC, aber sehr liberal und offen. Es ist eine Stadt der Nachbarschaften, die sich häufig durch verschiedene kulturelle Einflüsse auszeichnen, etwa mexikanische, ukrainische oder auch deutsche Viertel.
Diese Internationalität spiegelt sich auch in dem Essensangebot wider. Ich habe beispielsweise das Jahr genutzt, mich durch unterschiedlichste Taco-Varianten zu probieren. Daneben gibt es viele Stadtfeste – insbesondere der St. Patrick’s Day mit Flusseinfärbung war sehr beeindruckend.

Die Lage am See und der Fluss mitten durch die Innenstadt ist sehr schön, gerade im Sommer. Es ist schon fast etwas surreal am Sandstrand mit Skyline im Hintergrund zu liegen. Umgekehrt ist der Winter allerdings tatsächlich nicht zu unterschätzen und lang, auch wenn es dieses Jahr kaum Schnee hatte. Dafür sind die Temperaturen bis auf -23 Grad gesunken, was durch den berüchtigten Chicagoer Wind gefühlte -31 Grad bedeutet hat, und der See ist in Teilen zugefroren. Den Spitznamen „Windy City“ hat sich Chicago wirklich verdient (wobei dieser Spitzname ursprünglich nicht vom Wind kommt, sondern von den windigen Geschäftsleuten, die den World Fair 1893 in die Stadt geholt haben).

Das Leben verlagert sich dann doch sehr nach innen, gerade um Sport zu schauen, entweder live oder in Bars. Chicago ist unglaublich sportbegeistert und alle Sportarten sind mit den Bears (Football), Bulls (Basketball), Blackhawks (Eishockey) sowie den Cubs und White Sox (Baseball) abgedeckt. Leider sind die meisten Teams derzeit (oder im Falle der Bears leider schon sehr lange) ziemlich schlecht. Daneben gibt es aber auch sonst ein breites Kulturangebot, vor allem das Art Institute ist beeindruckend.

Zusammenfassung
Ich habe das Jahr in Chicago unglaublich genossen. Gerade wenn man mitten in einer Großstadt leben will und einen praktischeren akademischen Ansatz sucht, ist Northwestern zu empfehlen.
Du willst ebenfalls einen Erfahrungsbericht veröffentlichen und andere an Deinen Erfahrungen und Erlebnissen im Rahmen Deines LL.M.-Studiums teilhaben lassen? Mehr Informationen zum Ablauf findest du hier.