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Fear the tree! – Erfahrungsbericht zum LL.M.-Studium an der Stanford Law School (2019/2020) von Antonia vom Dahl

Veröffentlicht am 19.11.2021

Antonia vom Dahl, LL.M. (Stanford)

Rechtsanwältin bei CMS Hamburg

Ein LL.M. in den USA gehörte für mich schon lange zu den Erlebnissen, die ich in der juristischen Ausbildung auf keinen Fall missen wollte. Für mich stand jedoch stets fest, dass ich den LL.M. erst nach Abschluss des Zweiten Staatsexamens und vor dem Berufseinstieg – sozusagen als „i-Tüpfelchen“ – absolvieren wollte.

Inhalt

Bewerbung und Finanzierung des LL.M.-Studiums

Die Bewerbung um ein LL.M.-Studium in den USA ist mit recht großem Aufwand verbunden. Dies ist nicht nur der Tatsache geschuldet, dass die Einreichung aller Dokumente, einschließlich Gutachten, über die zentrale Plattform LSAC abgewickelt wird. Die verschiedenen Law Schools setzen auch unterschiedliche Anforderungen an Länge und Inhalt des Bewerbungsschreibens. Es ist empfehlenswert, sich im Vorhinein mit der thematischen Ausrichtung bzw. dem Schwerpunkt des jeweiligen LL.M.-Studiengangs auseinanderzusetzen, und zwar konkret mit den Forschungsschwerpunkten der entsprechenden Professoren. Dies sollte dann in der Bewerbung zum Ausdruck kommen, denn die bloße Auflistung von „Allgemeinplätzen“ als Motivation für ein LL.M.-Studium (z.B. Auslandserfahrung, Horizonterweiterung oder Erwerb von Sprachkenntnissen) sind für ausdrucksstarke Bewerbungsschreiben wenig geeignet.

Übrigens gehört die Stanford Law School (SLS) traditionell zu denjenigen Universitäten, die sich auf LL.M.-Bewerbungen besonders spät zurückmelden. Hiervon darf man sich jedoch nicht verunsichern lassen und muss notfalls andere Law Schools mit der finalen Zu- bzw. Absage etwas „hinhalten“.

Zum Glück kann man viele für die LL.M.-Bewerbung verwendete Argumente und Inhalte im Rahmen von Stipendienbewerbungen noch einmal verwerten. Ich hatte das große Glück, ein Stipendium der Fulbright-Kommission für mein Studium an der SLS zu erhalten. Dieses umfasst nicht nur einen sehr großzügigen Beitrag zu den Studiengebühren, sondern auch die Reisekosten, die Beantragung des Visums sowie Veranstaltungen in Deutschland und in den USA im Vorfeld und während des Studiums. Im Gegensatz zu vielen anderen (deutschen) Stipendienprogrammen kommt man hierbei mit Stipendiaten aus anderen Fachrichtungen und Ländern laufend in Kontakt, was ich als große Bereicherung empfunden habe.

Das LL.M.-Programm an der Stanford Law School

Das LL.M.-Programm der SLS ist im US-weiten Vergleich mit ca. 80 Teilnehmern recht klein. Es stehen vier Spezialisierungen zur Auswahl: (1) Corporate Governance and Practice (Schwerpunkt Gesellschaftsrecht, M&A; kurz: CGP), (2) Law, Science und Technology (Schwerpunkt IP und IT; kurz: LST), (3) International Economic Law, Business and Policy (Schwerpunkt IPR und Arbitration; kurz: IELBP) und (4) Environmental Law and Policy (Schwerpunkt Umwelt- und Klimaschutz; kurz: ELP). Daneben existiert das SPILS-Programm, das ausdrücklich auf eine wissenschaftliche Karriere ausgerichtet ist.

Für mich kam von vornherein nur das ELP-Programm in Frage, da ich meinen bestehenden Schwerpunkt im Energie- und Klimaschutzrecht vertiefen und Vorarbeiten für den amerikanischen Teil meiner Dissertation leisten wollte. Letzteres klappt übrigens sehr gut: Ausländischen Promotionsstudenten wird einiges ermöglicht, wenn man rechtzeitig und klar kommuniziert, wo die eigenen Forschungsschwerpunkte liegen und mit welchen Fakultätsmitgliedern man sich wissenschaftlich austauschen möchte.

Innenhof der Stanford Law School
Innenhof der Stanford Law School

Eine Besonderheit der SLS ist, dass alle Teilnehmer mindestens zwei Jahre Berufserfahrung vorweisen müssen (nach meinem Eindruck sind allerdings Ausnahmen in Einzelfällen möglich). Für Deutsche zählt auch das Referendariat als Berufserfahrung. Realistisch ist ein LL.M. an der SLS also in aller Regel erst nach dem Zweiten Staatsexamen. Ich empfand diese Voraussetzung als großes Plus, da die meisten Teilnehmer bereits einige Jahre in Kanzleien, der Wirtschaft oder im Staatsdienst gearbeitet hatten und wir fortlaufend über konkrete Beispiele aus unserer täglichen beruflichen Praxis diskutieren konnten. Gerade im Bereich Klimaschutz war dies unglaublich spannend. Die kleine Gruppe von maximal 20 Leuten sorgt zudem dafür, dass man alle Mitstudenten, ihren beruflichen Hintergrund und ihre Rechtsauffassungen wirklich kennen und verstehen lernt. 

Erwähnenswert ist zudem, dass die SLS einem Trimestersystem folgt: Ein Studienjahr teilt sich in drei Abschnitte (autumn, winter und spring term). Hierdurch bekommt man die Möglichkeit, dreimal im Jahr neue Kurse zu wählen. Angesichts der Tatsache, dass man ohnehin ständig die Qual der Wahl hat, weil man sich am liebsten alles anhören möchte, ist diese Einteilung von Vorteil.

Der Campus der Stanford University

Wer den Campus der Stanford University zum ersten Mal betritt, dem bleibt zu Recht meist die Luft weg. Palmen, so weit das Auge reicht, großzügige Außenanlagen, nagelneue Hörsäle mit der neuesten technischen Ausstattung und ein Klima, das ganzjährig stets „genau richtig“ ist – bessere Bedingungen zum Studieren kann man sich nicht wünschen.

Die Nähe zum Silicon Valley als globale Wiege der Start-up-Szene ist überall mit Händen greifbar. Dies war für mich unglaublich inspirierend und ich habe die Möglichkeit, Kurse an anderen Fakultäten zu belegen, maximal ausgenutzt. Ob Engineering, Computer Science, Earth Science oder die Business School – überall spürt man, dass der Gedanke, als (Unternehmens-)Gründer die Welt zum Positiven verändern zu können, den Studenten der Stanford University förmlich eingepflanzt ist. Das erstreckt sich übrigens auch auf das Selbstverständnis der juristischen Fakultät, zumal die US-amerikanische Rechtswissenschaft ohnehin deutlich stärker vom Gedanken der Interdisziplinarität geprägt als ist als hierzulande.

Im Zentrum des Campus: The Quad
Im Zentrum des Campus: The Quad

Abgesehen von den zahlreichen intellektuellen Impulsen, die einem tagtäglich mit auf den Weg gegeben werden, bietet der Campus der Stanford University großartige Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Die Sportanlagen suchen selbst in USA ihresgleichen und so sollte man es nicht missen, das Football-Stadion (Schlachtruf: „Fear the tree!“), die Schwimmanlagen und den universitätseigenen Golfplatz (Golf wird für alle Studenten als PE-(Sport-)Kurs angeboten!) zu besuchen. Auch Joggingrunden über den Campus werden niemals langweilig, denn man entdeckt dabei z.B. das universitätseigene Kunstmuseum und den malerischen – leider mittlerweile ausgetrockneten – „Lagunita Lake“.

Stanford Football Stadium
Stanford Football Stadium

Wie fast alle SLS-Studenten habe ich in einer Unterkunft auf dem Universitätsgelände gewohnt, was angesichts der enormen Größe des Campus und der überdurchschnittlichen Ausstattung der studentischen Wohnanlagen bei – für das Silicon Valley – durchschnittlichen Preisen auch empfehlenswert ist. Man kann sich hierfür im Vorhinein bewerben und wird dann je nach Verfügbarkeit zugelost. Zur SLS ist es dann nur ein kurzer Spaziergang oder eine kleine Runde mit dem Fahrrad. Letzteres ist übrigens für fast alle Studenten das bevorzugte Verkehrsmittel in und um Palo Alto.

Munger Residences
Munger Residences

Kalifornien und das Silicon Valley

Der Bundesstaat Kalifornien nimmt in den USA in vielerlei Hinsicht eine Sonderrolle ein. Die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt hat alles zu bieten, was das Leben annehmlich macht: Großartige Städte wie San Francisco, Los Angeles oder San Diego, eine atemberaubende Natur zu allen Jahreszeiten (zwischen Surfen und Skifahren liegen nur vier Stunden Autofahrt), freundliche, entspannte Menschen und stets Sonnenschein. Die Waldbrandgefahr ist jedoch mittlerweile zu einem ernsthaften Problem nicht nur in den Sommermonaten geworden, sodass auch über dem Campus der Stanford University an manchen Tagen graue Rauchwolken hingen.

Die freien Tage sollte man auf jeden Fall nutzen, um wie die Einheimischen die Natur Kaliforniens zu genießen. Auch ein Ausflug an die „Pilgerstätten“ des Silicon Valley, z.B. den Apple Campus, lohnt sich sehr. Palo Alto selbst ist ein kleines, aber feines Städtchen, das neben dem bei LL.M.-Studenten beliebten „Dorfclub“ schöne Restaurants und Cafés bietet. Die Lebenshaltungskosten sind jedoch im Silicon Valley – so wie im ganzen Bundesstaat Kalifornien – sehr hoch. Auf allzu großem Fuße kann man mit dem studentischen Budget also nicht leben. Dennoch finden sich immer Wege (z.B. tägliche (!) Lunch Lectures an der SLS), den Geldbeutel zu schonen.

San Francisco: Pier 39
San Francisco: Pier 39

Fazit

Alles in allem kann ich den LL.M. an der Stanford Law School uneingeschränkt empfehlen. Er bietet eine einzigartige Kombination aus intellektueller Inspiration, hoher Lebensqualität und einem internationalen Netzwerk, dass man sich in einer solch kurzen Zeit nirgendwo anders aufbauen kann. Der Aufwand der Bewerbung lohnt sich also – los geht‘s!

Du willst ebenfalls einen Erfahrungsbericht veröffentlichen und andere an Deinen Erfahrungen und Erlebnissen im Rahmen Deines LL.M.-Studiums teilhaben lassen? Mehr Informationen zum Ablauf findest du hier.