Mein LL.M.-Studium im Herzen Europas
Erfahrungsbericht zum LL.M.-Studium an der Vrije Universiteit (VU) Amsterdam (2024/2025)
Von September 2024 bis August 2025 habe ich den Masterstudiengang „International Migration and Refugee Law“ an der Vrije Universiteit Amsterdam (VU Amsterdam) absolviert.
Inhalt
Gründe für die Wahl des konkreten LL.M.-Programms
Bereits während meines Studiums habe ich mich auf internationales und europäisches Recht spezialisiert. Mit einem Auslandspraktikum in Montreal, Kanada, und einem Erasmus-Semester in Straßburg bin ich meinem Wunsch gefolgt, über den Tellerrand des deutschen Rechts zu blicken. Ein LL.M.-Studium im Ausland zu absolvieren, war daher bereits früh mein Wunsch. Dieser Wunsch konkretisierte sich, als ich im Schwerpunktstudium Interesse an einer Promotion entwickelte. Da das deutsche Jurastudium nur wenige Möglichkeiten bietet, vertiefte Erfahrung in der wissenschaftlichen Arbeit zu erlangen, wollte ich diese Lücke im Rahmen eines LL.M. nach dem ersten Staatsexamen schließen.
Von dem Masterstudiengang im internationalen Migrations- und Flüchtlingsrecht in Amsterdam habe ich durch eine Kollegin erfahren, die selbst Absolventin ist. Ausschlaggebend für meine Entscheidung für den Studiengang waren drei Gründe.
Erstens hat mich der Studiengang besonders angesprochen, weil er so spezifisch auf das Thema Migration zugeschnitten ist. Zwar gibt es viele Masterstudiengänge im Europa- oder Völkerrecht und auch spezifischer im Bereich Menschenrechtsschutz, jedoch bieten diese häufig nur einzelne Vorlesungen im Migrationsrecht an. Mit dem LL.M. habe ich das Ziel verfolgt, mich in einem hochaktuellen und sich rasant entwickelnden Rechtsbereich weiterzubilden, der in meinem deutschen Jurastudium nicht angeboten wurde.
Zweitens war für mich ausschlaggebend, dass das „Amsterdam Centre for Migration and Refugee Law“ (ACMRL) an der VU Amsterdam zu den weltweit größten Forschungszentren im Bereich Migrations- und Flüchtlingsrecht gehört. Da ich bereits mit dem Gedanken gespielt hatte, im Anschluss an den LL.M. im Migrationsrecht zu promovieren, fand ich es besonders überzeugend, zu wissen, dass ich von Expert*innen in ihrem jeweiligen Gebiet unterrichtet werde und so Kontakt- und Ansprechpersonen für die Zukunft gewinnen kann.
Bei meiner Entscheidung hat die Finanzierung des Masters zuletzt eine Rolle gespielt. Als EU-Bürgerin musste ich nur eine vergünstigte Studiengebühr von ca. 2.500 € für den gesamten, einjährigen Master zahlen. Damit ist der Master an der VU Amsterdam finanziell deutlich zugänglicher als vergleichbare Master innerhalb der EU.

Das Bewerbungsverfahren
Das Bewerbungsverfahren für den Master war glücklicherweise sehr unkompliziert. Da ich mich parallel zu meiner Vorbereitung für die mündliche Examensprüfung mit der Auswahl des LL.M. und der Bewerbung beschäftigt habe, kam mir das sehr gelegen. Zunächst musste ich nachweisen, dass ich mindestens über einen Bachelor-Abschluss verfüge. Dafür habe ich mein Transcript of Records der Universität Münster sowie meine bereits erhaltenen Examensnoten in englischer Übersetzung eingereicht. Kern der Bewerbung war ein Bewerbungsformular, das ich zusammen mit einem ausführlichen Lebenslauf hochladen musste. Da ich EU-Bürgerin bin, hat die Universität auf einen Nachweis eines Englisch-Sprachtests verzichtet.
Ein wichtiger Tipp ist, sich frühzeitig zu bewerben. Die Universität stellt nur für einen Teil der internationalen Studierenden Wohnungen zur Verfügung. Der Zugang zum Verteilungsportal wird jedoch nach dem Prinzip „First come, first served“ vergeben. Die Bewerbungsfrist für internationale Studierende, die sich auch für eine Wohnung der Universität bewerben, ist somit der 1. April, während die allgemeine Bewerbungsfrist für Studierende aus der EU bei einem Studienstart im September bis zum 15. Juli geht. Ein weiterer Vorteil einer frühen Bewerbung ist, dass man auch eine frühe Zusage erhält. So habe ich bereits zwei Wochen nach meiner Bewerbung eine positive Rückmeldung bekommen.
Der Studiengang erlaubt einen jährlichen Einstieg im September und Februar. Meine Empfehlung wäre jedoch, wenn möglich, im September mit dem Master zu beginnen, da die Grundlagenkurse nur im Herbst/Winter angeboten werden und es für die Wahlfächer überwiegend hilfreich ist, diese belegt zu haben. Das gilt insbesondere für die frühe Erarbeitung des Themas der Masterarbeit. Zudem beginnt der überwiegende Teil der Studierenden im September, sodass sich unter diesen ein stärkeres Gruppengefühl entwickelt hat. Studierende, die erst im Frühjahr dazu gekommen sind, hatten es meinem Gefühl nach etwas schwerer, Anschluss zu finden.
Die Finanzierung
Ich habe mir das Studium in Amsterdam zum Teil dadurch finanziert, dass ich zwischen meiner mündlichen Examensprüfung Anfang 2024 und dem Studienbeginn im September 2024 in einer Großkanzlei gearbeitet habe. Zudem konnte ich nach meiner Anmeldung in den Niederlanden aufgrund meiner Uni-Wohnung und meines geringen Einkommens als Studentin ca. 300 € monatliches Wohngeld beantragen. Ab der Hälfte des Masterstudiums habe ich zusätzlich einen Job als studentische Hilfskraft am ACMRL an der Universität begonnen. Wenn man als EU-Bürgerin in den Niederlanden neben dem Studium für mindestens 32 Stunden im Monat arbeitet, hat man – zusätzlich zu dem Wohngeld – auch Anspruch auf eine Studienfinanzierung von ca. 300 € im Monat und kann den ÖPNV unter der Woche oder am Wochenende kostenlos nutzen. Die Studienfinanzierung muss nicht zurückgezahlt werden, sofern der Abschluss innerhalb von zehn Jahren erworben wird.
![sp-vu-amsterdam-bootstour Bootstour]](https://www.llm-essentials.de/wp-content/uploads/elementor/thumbs/sp-vu-amsterdam-bootstour-rf72z7qen7dhjl0ev7ovkdqj6ozsyksahuzff78um8.jpg)
Der Studiengang: interdisziplinär, kritisch und praxisorientiert
Mit dem zusätzlichen LL.M.-Studium habe ich zwei Ziele verfolgt: Mich inhaltlich mit Recht aus einer interdisziplinären, kritischen Perspektive auseinanderzusetzen und Kompetenzen zu trainieren, die im deutschen Jurastudium zu kurz kommen. Mit dem Master an der VU Amsterdam konnte ich beide Ziele verwirklichen.
Der Masterstudiengang hat es mir ermöglicht, neben drei Grundfächern und der Masterarbeit vier Kurse frei nach meinen Interessensschwerpunkten zu wählen. So konnte ich in Kursen wie „Philosophy of International Law and Migration” und „Irregular Migration” meinen Blick auf das Recht erweitern. Ich habe gelernt, Recht durch die Brille verschiedener Disziplinen wie der kritischen Rechtsforschung oder den Empirical Legal Studies zu betrachten und kritisch zu hinterfragen.
Besonders gut haben mir die Diskussionen in den Seminaren gefallen. Wir wurden regelmäßig gefragt, ob wir die Position einer Autorin in einem wissenschaftlichen Aufsatz, den wir für die Vorlesung lesen sollten, überzeugend fänden. Die Perspektive, Recht als etwas Politisches und Konstruiertes wahrzunehmen, über das man diskutieren und streiten kann, habe ich als sehr bereichernd empfunden. Insbesondere im Vergleich zum deutschen Jurastudium, in dem es häufig allein um die dogmatische Anwendung von Recht geht, ohne dass wir als Studierende lernen, uns eine eigene Meinung zu bilden.
Neben den anregenden Diskussionen waren die Kurse sehr interaktiv gestaltet. So haben wir im Kurs „Migration and Legal Remedies” als Abschlussprüfung einen Moot Court veranstaltet und im Kurs „Irregular Migration” eine Fachkonferenz simuliert, in der wir unsere Abschlussarbeiten vorstellen und diskutieren durften. Besonders gut hat mir gefallen, dass wir in den Kursen selbst entscheiden konnten, zu welchen Themen wir im Rahmen von wissenschaftlichen Arbeiten vertieft forschen wollten. So habe ich im Master nicht nur gelernt, auf Englisch wissenschaftlich zu arbeiten und zu schreiben, sondern konnte auch meine eigenen Interessenschwerpunkte im Migrationsrecht schärfen.
Neben der spannenden Kurswahl bietet der Master viele Möglichkeiten, Einblicke in die praktische juristische Arbeit im Migrationsrecht zu gewinnen. Im ersten Semester habe ich an der „Migration Law Clinic“ des ACMRL teilgenommen. Im Rahmen dessen habe ich mit einer Gruppe von Studierenden ein rechtliches Gutachten zu Vorlagefragen in einem aktuellen Vorabentscheidungsverfahren vor dem EuGH verfasst. Wir haben uns mit den zuständigen Anwält*innen ausgetauscht und unsere Ergebnisse Expert*innen aus anderen Kanzleien sowie der Strategic Litigation Unit des Dutch Council for Refugees vorgestellt. Die Teilnahme an der Law Clinic hat es mir ermöglicht, meine rechtlichen Argumentations- und Vortragskompetenzen auf Englisch zu stärken, und mir spannende Einblicke in die Arbeit von Anwält*innen im Migrationsrecht gegeben.
Neben der Law Clinic ist es im Rahmen der frei wählbaren Kurse auch möglich, sich ein Praktikum anrechnen zu lassen. In meinem Jahrgang hat eine kleine Gruppe von Studierenden unter der Leitung des ACMRL dem „UN Committee on Migrant Workers“ zugearbeitet und ist zu einer Sitzungswoche nach Genf gefahren. Darüber hinaus gab es die Möglichkeit, ein Praktikum bei der „Clinique Juridique Hijra“ zu absolvieren, inklusive einer Studienfahrt nach Marokko.
Da der Studiengang in meinem Jahr nur etwa 35 Personen umfasste, war es möglich, engen Kontakt zu den Mitstudierenden und den Professor*innen aufzubauen. Dies wurde durch kleine Betreuungsgruppen, die sich zu Beginn des Studiums wiederkehrend getroffen haben, gestärkt. Sie bestanden aus bis zu fünf Studierenden und einer Lehrkraft.
Das Highlight: Leben in Amsterdam
Als internationale Stadt im Herzen Europas bietet Amsterdam unendlich viele Möglichkeiten, seine Freizeit zu verbringen – und das bei jeder Wetterlage.
Am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben ist mir das nächtliche Fahrradfahren an den beleuchteten Kanälen der Amsterdamer Innenstadt. Während man mit der Metro und Tram überall gut hinkommt, ist in Amsterdam natürlich das Fahrrad das Hauptverkehrsmittel.

Über die Universität habe ich für 675 € in einer gemütlichen Einzimmerwohnung auf dem Studierendencampus Uilenstede gewohnt. Durch das bereits erwähnte Wohngeld von ca. 300 € war meine Miete im Vergleich zum privaten Wohnungsmarkt eher niedrig. Meine anfänglichen Sorgen, dass ich in Uilenstede, das in Amstelveen an der Grenze zu Amsterdam liegt, zu weit außerhalb wohne, haben sich nicht bestätigt. Mit dem Fahrrad war ich in zehn Minuten am Unicampus der VU und in ca. 20 Minuten in der Stadt. Auch eine Straßenbahn fährt direkt von Uilenstede durch die Innenstadt Amsterdams bis zum Hauptbahnhof. Neben der tollen Lage – ich konnte zur Amstel spazieren – hatte der Campus Uilenstede auch das Unisportzentrum und einige Cafés sowie das Theater De Landing zu bieten.

Im Herbst und Winter haben wir Kneipentouren in dem Viertel De Pijp unternommen und die zahlreichen Museen Amsterdams besucht. Mein persönliches Highlight zu jeder Jahreszeit waren die „IJ-Hallen“, der größte Flohmarkt Europas, der je nach Wetterlage indoor oder draußen stattfindet.
Im Sommer haben wir im Vondelpark gepicknickt, am Kanal Pizza gegessen und sind im Nieuwe Meer schwimmen gegangen. Auch rund um Amsterdam gibt es viel zu unternehmen. Ich habe Tagesausflüge zum Strand nach Zandvoort und Städtetrips nach Utrecht und Rotterdam gemacht. Besonders empfehlenswert und typisch für die Niederlande war der obligatorische Fahrradausflug zu den Tulpenfeldern im April. Die Möglichkeiten sind endlos, und ich habe es auf jeden Fall nicht geschafft, meine ständig wachsende To-do-Liste vollständig abzuarbeiten. Umso mehr habe ich mich auf das Graduation-Wochenende Ende Oktober gefreut und darauf, meine Freund*innen und die Stadt wiederzusehen.

Fazit
Abschließend kann ich nur betonen, wie froh ich darüber bin, nach meinem ersten Staatsexamen den LL.M. an der VU Amsterdam absolviert zu haben. Ich habe nicht nur Freund*innen fürs Leben gewonnen, sondern auch eine Stadt in mein Herz geschlossen, die ich immer mit dem Gefühl von Freiheit und Lust auf Neues verbinden werde. Zudem konnte ich mich sowohl in akademischer Hinsicht als auch persönlich weiterentwickeln und meinen Wunsch, anschließend zu promovieren, umsetzen. Damit war das Jahr für mich in jeder Hinsicht ein großer Gewinn!
Du willst ebenfalls einen Erfahrungsbericht veröffentlichen und andere an Deinen Erfahrungen und Erlebnissen im Rahmen Deines LL.M.-Studiums teilhaben lassen? Mehr Informationen zum Ablauf findest du hier.